Von Achim Frommann, Deutsche Sporteltern Baden-Baden
‚Schattenkinder‘ gibt es nicht nur im Kontext chronisch, oder schwer erkrankter und behinderter Geschwister. Wenn Eltern durch äußere Umstände für einen Teil ihrer Kinder nicht mehr genügend Zeit und Aufmerksamkeit ermöglichen können, treten diese in den Schatten. Talentförderung und Nachwuchsleistungssport liefern diese Umstände. Der Prozess geschieht für Familien schleichend. Was aber bedeuten die Folgen für Kinder?
Wenn Talentförderung Geschwister in den Hintergrund drängt
Samstagmorgen, 6.30 Uhr. Die Sporttasche ist gepackt, das Frühstück steht auf dem Tisch. Die 14-jährige Tochter muss zum Wettkampf, 190 Kilometer entfernt. Der Vater fährt. Die Mutter kommt später nach, weil am Nachmittag noch ein zweiter Wettkampf ansteht. Der zehnjährige Bruder bleibt bei den Großeltern. Eigentlich ist das längst Routine.
Für die Eltern bedeutet dieser Samstag aber vor allem Organisation: Fahrzeiten, Startzeiten, Verpflegung, Ausrüstung, vielleicht noch ein Gespräch mit dem Trainer. Für die Tochter ist es ein wichtiger Wettkampftag. Sie hat monatelang darauf hingearbeitet. Und für den kleinen Bruder? Er weiß, dass sein Wunsch, am selben Nachmittag mit Freunden ins Schwimmbad zu gehen, nicht in den Familienplan gepasst hat. Wieder einmal.
Leistungssport dirigiert und fordert Familien
Solche Situationen sind im Nachwuchsleistungssport keine Ausnahme, sondern die Regel. Wenn ein Kind in die Talentförderung kommt und intensiv Sport betreibt, verändert das den gesamten Familienalltag. Trainingszeiten bestimmen den Tagesablauf, Wochenenden werden zu Wettkampfzeiten, Urlaube richten sich nach Trainingslagern, Vorbereitungszeiten, Spielplänen, oder Wettkampfkalendern. Dazu kommen Fahrtkosten, Vereinsbeiträge, Ausrüstung, Reisen, manchmal private Förder- und irgendwann auch Vorsorgemaßnahmen.
Im Mittelpunkt steht das talentierte Kind, das trainiert und Leistung bringt. Doch daneben stehen sehr häufig Geschwister, die nicht selten lernen müssen, mit weniger Zeit, weniger Aufmerksamkeit und je nach Sportart auch mit weniger finanziellen Möglichkeiten auszukommen. Sie sind die Schattenkinder des Nachwuchsleistungssports.
Quelle: KI-Generiert
Geschwister im Talentschatten
Der Begriff ‚Schattenkinder‘ soll niemanden anklagen. Er ist systemisch bedingt und beschreibt eine Situation, die im Nachwuchsleistungssport häufig entsteht, ohne dass sie von irgendjemandem beabsichtigt wird. Und für Geschwister, meist jüngere, kann sich das Ungleichgewicht zunächst ganz alltäglich anfühlen.
- Die Schwester bekommt neue Rennskier, weil das Material für die nächste Saison nicht mehr ausreicht. Der Bruder wartet hingegen mit seinem Wunsch nach einem neuen Fahrrad noch ein Jahr.
- Der Bruder fährt am Wochenende zu einem großen Turnier oder Wettkampf. Die kleine Schwester verpasst hingegen den Geburtstag eines Freundes, weil sie niemand hinbringen kann und mitkommen muss.
- Die Schwester erzählt beim Abendessen von ihrer Platzierung. Alle hören zu, gratulieren und diskutieren über den nächsten Wettkampf. Der Bruder erzählt vielleicht noch kurz von seiner guten Note in Mathematik. Dann geht es wieder um den Sport.
Einzelne Situationen wie diese realen Beispiele sind dabei selten das Problem. Entscheidend ist die Summe. Denn wenn ein Kind über längere Zeit erlebt, dass sich Familienzeit, Gespräche, Geld und Aufmerksamkeit immer wieder um sportlich geförderte Geschwister drehen, kann daraus ein Gefühl entstehen: Meine Dinge sind weniger wichtig.
Ich bin nicht wichtig
Manche Geschwister sprechen das offen aus. Andere ziehen sich zurück. Wieder andere versuchen, möglichst wenig zusätzliche Arbeit zu machen. „Ich brauche nichts.“ „Fahr ruhig mit ihr.“ „Ist schon okay.“ Solche Sätze können nach außen nach großer Selbstständigkeit klingen. Manchmal sind sie es auch. Häufig steckt dahinter aber auch die Erfahrung, dass die eigenen Wünsche und Bedürfnisse ohnehin hinter den Anforderungen des Leistungssports zurückstehen müssen.
Geschwister übernehmen in solchen Familien gelegentlich erstaunlich früh Verantwortung. Sie lernen, sich selbst zu beschäftigen. Sie akzeptieren, dass Mama oder Papa gerade keine Zeit haben. Sie kümmern sich um Hausaufgaben, warten nach der Schule oder verbringen einen Nachmittag bei Freunden oder Verwandten. Das kann Kinder selbstständig und belastbar machen. Es kann aber auch eine andere Botschaft vermitteln: Ich darf keine zusätzlichen Bedürfnisse haben.
Jedes Kind braucht Aufmerksamkeit
Besonders problematisch kann es werden, wenn ein Geschwisterkind seine eigene Rolle innerhalb der Familie vor allem darüber definiert, möglichst unkompliziert zu sein. Das „pflegeleichte“ Kind wird dann leicht übersehen. Nicht, weil die Eltern es weniger lieben. Sondern weil es scheinbar weniger Aufmerksamkeit braucht. Gerade darin liegt ein paradoxer Effekt: Das Kind, das keine Probleme macht, bekommt möglicherweise weniger Aufmerksamkeit, weil es keine Probleme macht. Die Geschwisterbeziehung selbst kann jedoch darunter leiden.
Leistungssport bringt Anerkennung. Gute Platzierungen, Kaderaufnahmen, Meisterschaften oder Berufungen in Auswahlmannschaften werden gefeiert. Das sportlich erfolgreiche Kind erlebt, dass sich Anstrengung lohnt und dass seine Leistung innerhalb der Familie einen hohen Stellenwert besitzt. Das Geschwisterkind erlebt diese Anerkennung aus einer anderen Perspektive. Es kann stolz auf Bruder oder Schwester sein. Es kann sich mitfreuen. Und gleichzeitig neidisch sein. Beides kann nebeneinander existieren.
Der Selbstwert von Kindern
Ein Bruder kann seiner Schwester von Herzen die Goldmedaille gönnen und sich trotzdem wünschen, dass einmal jemand genauso begeistert auf seine eigenen Leistungen reagiert. Diese Ambivalenz ist menschlich. Sie muss nicht bedeuten, dass Geschwister sich nicht mögen.
Problematisch wird es, wenn unausgesprochene Konkurrenz entsteht: Wer bekommt die meiste Aufmerksamkeit? Wessen Termine sind wichtiger? Wer darf etwas verlangen? Wer verursacht mehr Aufwand? Dann wird der Sportler oder die Sportlerin möglicherweise ungewollt zum Maßstab, an dem sich das andere Kind selbst misst.
Kinder entwickeln ihr Selbstbild auch darüber, welche Rückmeldungen sie von ihrem unmittelbaren Umfeld bekommen. Wenn ein Kind regelmäßig erlebt, dass die sportlichen Erfolge des Geschwisters ausführlich besprochen und gefeiert werden, während die eigenen Erfolge kaum Beachtung finden, kann das am Selbstwertgefühl nagen. Das muss noch keineswegs dramatisch oder sichtbar sein. Es kann sich aber in kleinen Dingen ankündigen und zeigen:
- Ein Kind erzählt irgendwann weniger
- Es lädt seltener Freunde nach Hause ein
- Es gibt eigene Aktivitäten auf
- Es bittet nicht mehr darum, Zeit mit den Eltern zu verbringen
- Oder es entwickelt besonders starken Ehrgeiz in einem anderen Bereich, weil es dort endlich seine eigene Anerkennung finden will
Manchmal passiert auch das Gegenteil: Das Kind verweigert jede Form von Leistung, weil es nicht in eine weitere Wettbewerbssituation mit dem Geschwister geraten möchte. Deshalb sollte man vorsichtig mit einfachen Erklärungen sein. Nicht jedes Geschwisterkind eines Talents wird zum „Schattenkind“. Viele wachsen selbstbewusst, eigenständig und mit einem guten Verhältnis zum Sport und zur Familie auf. Entscheidend ist, wie bewusst die Familie mit der besonderen Situation umgeht.
Quelle: KI-Generiert
Der Eltern-Tunnel
Für Eltern ist die Situation häufig ebenfalls belastend. Sie sehen, dass ihr Kind Talent besitzt. Sie möchten es unterstützen. Vielleicht hat es sich über Jahre etwas erarbeitet und steht kurz vor einem wichtigen Schritt. Dann kommen zusätzliche Trainingseinheiten hinzu. Dir Trainerin empfiehlt ein Trainingslager. Ein Wettkampf findet plötzlich mehrere hundert Kilometer entfernt statt. Das Material muss angepasst werden. Schule und Sport überschneiden immer häufiger und müssen koordiniert werden. Der Sport erwartet dabei immer, die Vorfahrt zu haben. Und irgendwann besteht ein großer Teil des Familienkalenders aus dem Leistungssport eines Kindes.
Eltern machen vieles mit. Sie handeln dabei meist aus Fürsorge und – trotz wachsendem Druck – auf das Wohl ihres Kindes bedacht. Sie wollen ihm die Chance geben, sein Potenzial auszuschöpfen. Genau deshalb wird es irgendwann schwierig, die Nebenwirkungen des eigenen Handelns wahrzunehmen. Es ist häufig ein schleichender Prozess, eine Spirale, in die Sporteltern hineingeraten, nicht selten ein Teufelskreis. Denn wer gerade versucht, eine Trainingsfahrt zu organisieren, denkt nicht unbedingt daran, dass das andere Kind seit drei Wochen auf einen gemeinsamen Kinobesuch wartet. Wer eine teure Wettkampfausrüstung finanziert, hat möglicherweise nicht gleichzeitig im Blick, dass das Geschwisterkind seine eigene Aktivität aus Kostengründen aufgeben musste. Und wer am Abend nach einem langen Wettkampftag erschöpft nach Hause kommt, bemerkt vielleicht nicht, dass ein anderes Kind schon seit Tagen auf ein Gespräch wartet. Das jetzt verursachte Ungleichgewicht entsteht häufig nicht aus fehlender Liebe, sondern aus einer dauerhaften Verschiebung von Aufmerksamkeit.
Gerechtigkeit braucht keine Gleichbehandlung
Gerechtigkeit in einer Familie bedeutet nicht zwangsläufig, jedem Kind exakt das Gleiche zu geben. Ein Leistungssportler bzw. eine Leistungssportlerin benötigt mehr Geld für Ausrüstung, Trainingslager, Trainerhonorare, Fahrtkosten, Internatsunterbringung, medizinische Versorgung etc. und deutlich mehr organisatorische Unterstützung. Das ist sachlich begründet, weil Vereine, Verbände, Sportfördersysteme zeitliche und finanzielle Zuwendungen der Eltern einkalkulieren. Über die Förderdauer summiert sich dies zu beträchtlichen Beträgen pro Saison. Können oder wollen Eltern diese nicht (mehr) erbringen, bedeutet es meist das Ende der organisierten Leistungsförderung des Kindes.
Echte Gleichbehandlung von Kindern in einer Leistungssportfamilie geht also an der heutigen Realität vorbei, solange Verbände und Vereine auf Kosten der Eltern strukturiert und organisiert sind. Viel wichtiger ist jetzt, dass die anderen Kinder spüren: Meine Bedürfnisse zählen ebenfalls. Das kann ganz unterschiedliche Formen annehmen:
- Ein regelmäßiger Nachmittag alleine mit Mama oder Papa
- Ein eigener Wochenendtermin, der nicht wegen eines Wettkampfs abgesagt wird
- Ein festes Familienritual, das vom Sportkalender unabhängig bleibt
- Ein Budget für die Interessen des Geschwisterkindes
- Oder schlicht die bewusste Frage: „Was ist dir gerade wichtig?“
Es geht dabei nicht darum, das talentierte Kind weniger zu unterstützen. Es geht darum, die Familie als Ganzes im Blick zu behalten. Es geht darum, den Schatten in Licht zu verwandeln.
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Heraus aus dem Schatten
Manche Familien entwickeln dafür erstaunlich einfache Lösungen. Eine Familie reserviert beispielsweise einen Abend pro Woche, an dem grundsätzlich kein Training und kein Sporttermin die gemeinsame Zeit verdrängen darf. Für alle. Eine andere führt eine Art Familienkalender, in dem nicht nur Wettkämpfe, sondern auch die wichtigen Termine aller Kinder eingetragen werden. Manche Eltern vereinbaren mit ihren Kindern, dass jeder einmal im Monat einen exklusiven „Eltern-Kind-Termin“ auswählen darf. Und manchmal hilft bereits ein regelmäßiges Gespräch. Nicht: „Ist alles okay?“ Darauf antworten Kinder häufig automatisch mit „Ja“. Sondern konkreter:
- „Was ist gerade gut für Dich?“
- „Was nervt dich wegen des Sports?“
- „Gibt es etwas, bei dem du das Gefühl hast, zu kurz zu kommen?“
Solche Fragen eröffnen einen Raum, in dem auch ambivalente Gefühle erlaubt sind. Denn ein Geschwisterkind darf stolz und gleichzeitig auch neidisch sein. Es darf sich freuen und gleichzeitig genervt sein. Es darf den Bruder oder die Schwester unterstützen und trotzdem manchmal wünschen, dass der Wettkampfkalender nicht das Familienleben bestimmt.
Trainer, Vereine, Verbände tragen Verantwortung
Das Thema endet nicht an der Haustür. Wer Kinder in Talentförderprogramme holt, anschließend im Nachwuchsleistungssport begleitet, arbeitet immer auch mit deren Familien. Trainerinnen und Trainer, Jugendleiter, Sportkoordinatoren, Pädagogen, Sportpsychologen und Elternbeauftragte erleben aber häufig nur einen Ausschnitt. Sie sehen den jungen Athleten im Training. Sie sehen Ehrgeiz, Fortschritte, Belastungen und Erfolge. Was sie nicht unbedingt sehen, ist der Rest der Familie. Dabei kann ein kurzer Hinweis bereits viel bewirken.
Wenn ein Trainer weiß, dass für eine Kadermaßnahme oder eine Meisterschaft mehrere Urlaubstage der Eltern notwendig sind, kann er sich bewusst machen, welche organisatorische und finanzielle Belastung damit verbunden ist. Wenn Trainingszeiten, Nominierungen, oder Wettkampftermine sehr kurzfristig kommuniziert werden, kann das für Familien mit mehreren Kindern erhebliche Folgen haben.
Und wenn ein Verein ausschließlich die sportliche Perspektive betrachtet, bleibt leicht unsichtbar, dass hinter jeder Nachwuchsleistungssportlerin und jedem Nachwuchsleistungssportler ein familiäres System steht. Eine verantwortungsvolle Nachwuchsförderung und ihre Fürsorgepflichtigen sollten deshalb nicht nur fragen:
Wie können wir dieses Talent bestmöglich entwickeln?
Sie sollten auch fragen:
Was bedeutet dieser Weg für die Familie, die ihn ermöglicht?
Darin liegt eine äußerst wichtigste Aufgabe für alle Verantwortlichen im Nachwuchsleistungssport: Auch die Geschwister von Talenten wahrzunehmen, ihre Bedürfnisse zu verstehen, daraus abzuleitende Freiräume für Familien ermöglichen – anstatt Geschwister und Eltern als Belastungsfaktoren des Leistungssports zu betrachten. Sie sind Teil des Systems! Und sie haben ihren eigenen Weg.
Jetzt bin ich dran
Das Geschwisterkind muss kein Leistungssportler werden, um genauso wichtig zu sein. Es muss keine außergewöhnlichen schulischen Leistungen bringen. Es muss nicht besonders vernünftig, verständnisvoll oder pflegeleicht sein. Es darf einfach Kind sein. Mit eigenen Interessen, eigenen Erfolgen, eigenen Problemen und eigenen Ansprüchen an gemeinsame Zeit. Aber vor allem: Es möchte Schwester, möchte Bruder sein, für Geschwister, die auch ein Leben in der Blase der Talentförderung leben.
Quelle: Deutsche Sporteltern
Der Nachwuchsleistungssport kann für eine Familie eine großartige gemeinsame Erfahrung sein. Er kann Disziplin, Zusammenhalt, Selbstvertrauen und unvergessliche Erlebnisse schaffen. Damit das gelingt, braucht es allerdings einen Blick über die Wettkampfhalle, den Fußballplatz, die Skipiste, oder das Schwimmbecken hinaus. Denn da steht am Rand des Geschehens ein Kind, das nicht auf dem Siegerpodest steht und trotzdem einen wichtigen Platz in dieser Geschichte hat. Es ist der Bruder. Die Schwester. Das Kind, das wartet. Und das vielleicht irgendwann nicht mehr wartet, sondern sich fragt: Wann bin eigentlich ich dran?
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