Autor: Niklas Kabisch, Halle
Die Jagd nach dem perfekten Körper
Er steht ständig vor einem Spiegel und fühlt sich schmächtig. Doch andere bewundern seinen gestählten Körper. Sie trainiert unentwegt, ist vom Gedanken getrieben, sich körperlich maximal zu definieren, während ihr Umfeld schon lange über ihre Magersucht munkelt. Beide Menschen haben eine massiv gestörte Wahrnehmung entwickelt. Meist in Kombination mit einem krankhaften Essverhalten. Wenngleich dieser Beitrag vielmehr junge Männer betrifft, können auch Frauen betroffen sein – im Freizeit- oder Leistungssport. Worauf wir alle achten sollten und warum Eltern dabei überfordert sein können, erzählt dieser Tatsachenbericht.
Eine unsichtbare Krankheit
Dicke Oberarme, gestähltes Sixpack, breiter Rücken – so ähnlich sieht wohl der Traum vieler junger Männer aus, welche sich tagtäglich an den Geräten und Hantelstangen der Fitnessstudios dieser Welt quälen. Eine endlose Flut an Fotos und Videos von durchtrainierten Körpern in den sozialen Netzwerken bildet den Nährboden für das Streben nach dem vermeintlichen Traumkörper. Doch genau aus diesem Streben kann sehr schnell eine verhängnisvolle Abwärtsspirale entstehen. Und zwar dann, wenn aus dem sportlichen Ehrgeiz, Muskeln aufzubauen und einen trainierten Körper zu erreichen, Denk- und Verhaltensmuster werden, unter denen die Person immer mehr zu leiden beginnt. Dies kann schnell in ernsthaften psychischen Erkrankungen kumulieren, welche die Lebensqualität stark einschränken und schwerwiegende psychische und körperliche Folgen nach sich ziehen können.
Einige dieser möglichen Folgen, z.B. Essstörungen, sind inzwischen den meisten Menschen geläufig und werden seit vielen Jahren auch intensiv erforscht und diskutiert. Noch kaum bekannt ist hingegen eine Erkrankung, welche primär männliche Jugendliche und junge Erwachsene betrifft und seit dem Aufkommen der sozialen Medien immer erschreckendere Ausmaße annimmt. Die Rede ist von der Muskeldysmorphie.
Was ist die Muskeldysmorphie?
Die Muskeldysmorphie ist durch eine extreme Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen gekennzeichnet, wobei hier besonders Muskelmasse und Körperfettanteil im Mittelpunkt stehen. Die Betroffenen tun alles, um dem als ästhetisch empfundenen Körperbildideal eines muskulösen und körperfettarmen Körpers näher zu kommen. Dies beinhaltet exzessives, meist tägliches Trainieren, die kompromisslose Umsetzung eines strengen Ernährungsplanes und die Ausrichtung aller sonstigen Lebensbereiche auf das Ziel des weiteren Muskelaufbaus und Fettabbaus. Von gesundem Sporttreiben unterscheidet sich dieses Verhalten dadurch, dass das Verfolgen des Traumkörpers die höchste Priorität erhält. Alle anderen Bereiche – soziale Kontakte, Schule, Studium oder Beruf, private Termine und schlussendlich auch die eigene Gesundheit – müssen sich dem unterordnen.
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Unter welchen Symptomen leiden Betroffene?
- Das eigene Körperbild wird durch ständiges Anfassen oder Betrachten im Spiegel kontrolliert. Permanent werden die Betroffenen von negativen Gedanken über ihr Äußeres verfolgt. Man spricht auch von Zwangshandlungen und Zwangsgedanken. Diese können so stark ausgeprägt sein, dass die Betroffenen fast handlungsunfähig werden, weil sie so viel Zeit vor dem Spiegel verbringen und alle Gedanken nur noch um die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper kreisen.
- Die Betroffenen haben zunehmend Probleme, ihren Alltag zu bewältigen, da sich alles dem strikten Trainings- und Ernährungsregime unterzuordnen hat. Familie und Freunde werden vernachlässigt und immer mehr als regelrechtes Hindernis auf dem Weg zum Traumkörper betrachtet. Schule, Studium, Beruf oder andere Sportarten außerhalb des Bodybuildings verlieren immer mehr an Bedeutung oder werden sogar aufgegeben. Alles, was zählt, ist das nächste Training und die nächste gesunde Mahlzeit. Feste Vorlesungszeiten an der Uni bringen den Trainingsplan durcheinander, Omas selbstgebackener Kuchen passt nicht in die Ernährungsplanung. Nach und nach wird das gesamte Leben zu einem einzigen Störfaktor auf dem Weg zum Traumkörper. Man spricht in der Psychologie davon, dass die Funktionalität im Alltag nicht mehr gegeben ist.
- Die Lebensqualität sinkt und der Leidensdruck wächst. Die Betroffenen leiden massiv unter ihren eigenen Gedanken und ihren eigenen Verhaltensweisen, können diese jedoch meist nicht aus eigener Kraft unterbinden.
- Exzessives Training über die eigenen Grenzen hinaus, einseitige Ernährungsrichtlinien, die ausschließlich auf maximalen Muskelaufbau und Fettverlust ausgerichtet sind und schlimmstenfalls die Einnahme verbotener Substanzen wie anabole Steroide zur Leistungssteigerung können verheerende gesundheitliche Folgen nach sich ziehen, welche den Leidensdruck weiter erhöhen.
Welche Rolle spielen die sozialen Medien?
Über ein Drittel aller jungen Menschen schaut sich in den sozialen Netzwerken regelmäßig Inhalte zu den Themen Fitness und Gesundheit an. Instagram, YouTube, TikTok und Co. sind so konzipiert, dass sie einen suchtauslösenden Charakter entfalten können und so auf neurobiologischer Ebene identisch zum Konsum von Drogen wirken. Folgende Zusammenhänge zwischen dem Konsum von Social Media Inhalten und psychischen Problemen sind wissenschaftlich belegt:
- Social Media verschlechtert signifikant die eigene Körperwahrnehmung und das Körperselbstbild, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen.
- Social Media steht in Zusammenhang mit dem Auftreten der Körperdysmorphen Störung. (Die Muskeldysmorphie zählt zu dieser Störungskategorie)
- Social Media ist ein treibender Faktor für die Entwicklung und Manifestation von Essstörungen wie Anorexie oder Orthorexie.
Regelmäßiger Konsum fitnesszentrierter Inhalte in den sozialen Medien kann die Symptomatik einer Muskeldysmorphie also nachweislich verstärken und stellt somit einen großen Risikofaktor dar.
Welche Warnsignale gibt es?
Als Eltern, Angehörige und Freunde ist es oft schwer zu erkennen, dass sich jemand in Richtung eines Verhaltens mit Krankheitswert bewegt. Gerade im Bereich des Leistungssports muss hier der Maßstab gewiss etwas weniger eng gelegt werden. Schließlich gehören Leistungsdruck, ein hoher Anspruch an sich selbst und die Notwendigkeit eines fitten Körpers nun einmal irgendwie zum Sport auf höherem Niveau dazu. Gewisse Verhaltensweisen lassen aber erkennen, dass sich das eigene Körperbild und das Sport- und Essverhalten in eine dysfunktionale Richtung bewegen:
- Die Leistung in der primär ausgeübten Sportart steht nicht mehr im Vordergrund, sondern die optische Veränderung des Körpers.
- Exzessives Betrachten im Spiegel oder Berühren des Körpers
- Starke Unzufriedenheit trotz sichtbaren Muskelaufbaus
- Zunehmender sozialer Rückzug
- Reizbarkeit und schlechte Laune bei Abweichung von den selbstgesteckten Routinen
Welche Maßnahmen und Verhaltensänderungen helfen?
Wie alle psychischen Störungsbilder ist die Muskeldysmorphie deutlich komplexer als man es im Rahmen eines einzelnen Artikels darstellen könnte. Nichtsdestotrotz gibt es einige allgemeingültige Hinweise und Tipps, die Betroffenen helfen können:
- Konsequenter Verzicht auf Social Media: Die für viele Jugendliche und junge Erwachsene wohl am schwierigsten umzusetzende Maßnahme. Bei übermäßiger Beschäftigung mit fitness- und körperbildzentrierten Inhalten und wenn Instagram & Co. Immer wieder eine Verschlechterung der Symptomatik triggern, ist der zumindest zeitweise Verzicht auf diese Plattformen aber essenziell.
- Keine Scheu vor professioneller Hilfe: Alle familiäre und soziale Unterstützung können eine gute psychotherapeutische Verhaltenstherapie nicht ersetzen. Unter professioneller Anleitung erlernt der Betroffene hier wirksame Maßnahmen zum Umgang mit seinen Problemen.
- Mehrere „Lebenssäulen“ aufbauen: Basiert die persönliche Identität und das ganze Leben nur auf einer einzigen Ebene – in diesem Fall dem Sport und der Beschäftigung mit dem eigenen Körper – ist das eigene Wohlbefinden vollständig von dem Erfolg in dieser Ebene abhängig. Jede Störung führt dann zum sofortigen Zusammenbruch des Kartenhauses. Hat man mehrere „Lebenssäulen“, in denen man sich weiterentwickeln und persönliche Erfolgserlebnisse feiern kann, führt das zu einer deutlich erhöhten psychischen Stabilität. Solche Lebensbereiche umfassen zum Beispiel die beruflich-finanzielle Ebene in Form von Schul-, Studien- oder Ausbildungsabschlüssen, die soziale Ebene bestehend aus Familie, Freunden und Gruppenzugehörigkeiten oder die geistig-kreative Ebene in Form von Persönlichkeitsentwicklung und dem Erlernen neuer Fähigkeiten.
Der Sporteltern-Buchtipp
Im Buch „Die Jagd nach dem perfekten Körper“ erzählt Niklas Kabisch seine persönliche Geschichte mit der Muskeldysmorphie. Beginnend von den Anfängen und zugrundeliegenden Ursachen, über die schlimmste Phase, welche ihn an den Rand seines Lebenswillens brachte, bis zum langen Weg zurück in ein glückliches Leben. Neben vielen emotionalen Einblicken in seine innere Welt während dieser Zeit, zeigen spannende Informationstexte auf Basis von über 400 wissenschaftlichen Quellen leicht verständlich, welche psychischen Auswirkungen aus einer fitness- und körperbildzentrierten Gesellschaft entstehen können.
Heute gibt Niklas seine Erfahrungen als Sportwissenschaftler, Therapeut und Experte an Betroffene, oder auch an die Eltern Betroffener weiter. Neben dem Breiten- auch im Nachwuchsleistungssport. Dafür engagiert er sich auch als Experte im Club für Sporteltern, einer großen Gemeinschaft mit Kindern in Talentfördersystemen. Denn die Gefahr einer Erkrankung hat kein Geschlecht oder einen Altersstempel. Profi- und Premium-Mitglieder können Niklas in der DSE-Expertendatenbank direkt kontaktieren. Sein Buch ist über Amazon erhältlich.